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Martin Sollberger, 66, Präsident der Sektion Aargau des AGVS, übergibt seine Werkstatt in Oberentfelden der Stiftung Orte zum Leben.

Wer vor wenigen Tagen noch in die Garage Sollberger in Oberentfelden eintrat, konnte gleich am Eingang dieses Relikt aus alter Zeit bestaunen: einen Alfa Romeo GTV6, dunkelgrün mit goldenen Scheinwerfern, innen simpel und doch elegant ausgestattet mit einem edlen, hölzernen Lenkrad und hellbraunen Sitzen. «Wir hatten den noch im Keller», sagt Geschäftsführer Martin Sollberger fast schon humorvoll, als ob man solche Juwelen einfach so nebenbei in einem Keller aufbewahrt.

Das Auto mit Jahrgang 1982 gehörte einem treuen Kunden, der vor zwei Jahren 95-jährig aufgehört hat, Auto zu fahren. «Wir haben ihm über Jahrzehnte das Auto gepflegt, und es entstand eine enge Beziehung zu dem Kunden», erzählt Martin Sollberger und holt sogleich alte Prospekte des Autos hervor. Sechs-Zylinder-V-Motor, 160 PS, 2,5 Liter Hubraum: «Das war damals ein Sportwagen», sagt er, und man merkt förmlich, wie seine Begeisterung dabei aufflammt. Seine Garage hat das Auto übernommen und instand gesetzt. «Den Oldtimer», wie er sagt. Autos aus den Achtzigern werden offenbar bereits als solche gehandelt, die Zeit vergeht.

Dies weiss Martin Sollberger nur zu gut: 41 Jahre ist es nun her, seit er seine Autogarage eröffnet hat – zuerst an der Suhrerstrasse, dann am Lerchenweg in Oberentfelden, gegenüber der Stiftung Orte zum Leben. Diese baut nun ihren dortigen Standort aus, ein entsprechendes Baugesuch lag diesen Monat auf. Und sie übernimmt ab dem 6. Januar die Werkstätten der Garage Sollberger.

 

Ich übergebe das Geschäft an meine Nachbarn, die ein Projekt haben, das anderen dient.

Zwei Jahre lang stand die Stiftung mit Martin Sollberger dafür im Gespräch. «Ich bin jetzt 66, für mich war die Übergabe an eine soziale Institution eine Gelegenheit, die gerade gepasst hat», sagt er. Ein Angestellter wird weiter beschäftigt, die übrigen haben in anderen Betrieben eine Stelle gefunden. «Das war mir wichtig.» Zudem wollte er eine Nachfolge, die nachhaltig ist.

«Ich übergebe das Geschäft an meine Nachbarn, die ein Projekt haben, das anderen dient», sagt Martin Sollberger. Die Stiftung Orte zum Leben wird dort geschützte Arbeitsplätze mit Betreuung anbieten. Unterhaltsarbeiten an den Autos der Stiftung sowie das Wechseln von Winter- und Sommerrädern für auswärtige Kunden bleiben etwa als Services bestehen, und auch die Tankstelle wird weiter betrieben. Zudem soll die Gartenunterhaltsabteilung der Stiftung dort unterkommen und die Velo-Werkstatt des Lenzburger Standorts dorthin zügeln. Über 35 Menschen sollen in den Räumen künftig arbeiten. Heute beschäftigt er in seiner Garage acht Personen, auf dem Höhepunkt in den 90er-Jahren waren es bis zu zwölf. Unter dem Strich entstehen also mehr Arbeitsstellen. «Das gibt mir ein gutes Gefühl», sagt Martin Sollberger.

 

Kleine Händler werden die Investitionen kaum stemmen

Um die Garage als solche weiterzuführen, wären grosse Investitionen nötig gewesen in den Bereichen Elektronik und Digitalisierung. Die Diagnose von Problemen an Fahrzeugen wird immer mehr mit Computern gemacht. Und Tanksäulen für Elektroautos werden künftig die Norm sein. Der Investitionsdruck seitens der Importeure auf die Händler sei gross. «Es ist eine Herausforderung für die gesamte Branche. Für kleine Händler wird sie bald nicht mehr stemmbar sein», sagt Martin Sollberger, der bis 2021 Präsident der Aargauer Sektion des Auto Gewerbe Verbands Schweiz (AGVS) bleibt.

 

41 Jahre, das ist eine lange Zeit.

Martin Sollberger

Er weiss: «Es ist einfach eine neue Zeit.» Zum Beispiel gehen die Autos nicht mehr so schnell und oft kaputt heutzutage. War eine Servicekontrolle früher nach 10000 km die Norm, wird die erste Kontrolle heute nach bis zu 30000 km durchgeführt. Dazu sind eben die Anforderungen der Marken an die Partner gestiegen. Seit Mitte der 90er-Jahre geben sie die Qualitätsstandards in den Autowerkstätten vor, seit den 2000er-Jahren seien gar regelmässige Prüfungen der Betriebe – sogenannte Audits – eingeführt worden.

«Wir haben aber ein super Verhältnis aufgebaut zu den Importeuren. Von den früheren Lokalvertretern hat keiner überlebt ausser uns», sagt Martin Sollberger. Heute setzen die Importeure eher auf grössere Regionalvertreter, zur besten Zeit gab es um Oberentfelden bis zu sechs kleine Lokalvertreter. «Mit der Vertretung von zwei Marken waren wir früher der Platzhirsch.»

 

Mit viel Arbeit vom Mechaniker-Lehrling zum Geschäftsbesitzer

Martin Sollberger stammt von keiner Unternehmerfamilie und ist ein klassisches Beispiel eines «Büezers», der sich hinaufgearbeitet hat. Aufgewachsen in Buchs, besuchte er in Aarau die Bezirksschule und in Baden die Gewerbeschule. Es war 1969, als er in Hunzenschwil Automechaniker gelernt hat in einer Opel-Werkstatt. «Mit meinem besten Freund fuhr ich damals jeden Tag mit dem Motorrad von Buchs nach Hunzenschwil», erzählt er. Dieser habe dort auch die Mechanikerlehre gemacht, aber in einem Alfa-Romeo-Betrieb – nämlich dasjenige, bei dem Sollbergers späterer langjähriger Kunde den Alfa Romeo GTV6 gekauft hat. «Mein Kollege hat mir immer von den Alfas geschwärmt», sagt Martin Sollberger. Gemeinsam haben sie während der Lehre einen – «natürlich defekten» – Alfa Romeo gekauft, diesen repariert, «und wir sind damit noch in derselben Nacht nach Jesolo gefahren, mit schwarzen Fingernägeln», erinnert er sich. «Gelernt habe ich auf Opel, aber mit meiner Leidenschaft war ich bei Alfa.»

Nach der Lehre kam die Rekrutenschule, in der es Martin Sollberger bis zum Feldweibel brachte. Danach arbeitete er in der ehemaligen Aarehof-Garage bei der Aarauer Kettenbrücke. Er stiess später zur Suhrer Lastwagenfirma Gyger Transporte, wollte sich weiterbilden zum Lastwagenmechaniker, wurde dann aber vor allem Lastwagenfahrer. Knapp fünf Jahre lang transportierte er meistens Möbel nach Italien und ins Tessin. «Dann hörte ich per Zufall, dass eine Garage an der Suhrerstrasse in Oberentfelden Konkurs gegangen und somit frei geworden war», sagt er. In der Zeit hatte er bereits eine kleine Heimwerkstatt in Buchs, wo er abends und am Wochenende Autos von Freunden reparierte und so seinen ersten Kundenstamm aufbaute.

 

Der Vater gab das Startdarlehen von 4000 Franken

Das war 1978. Martin Sollberger fasste Mut und übernahm die Garage. «Mein Vater gab mir ein Startdarlehen von 4000 Franken, ich legte noch ein paar hundert Franken hinzu», sagt er. Überhaupt habe er seinem Vater viel zu verdanken. «Nach seiner Pensionierung bei Sprecher und Schuh hat er mich wirklich unterstützt und die Buchhaltung gemacht fürs Geschäft. Das musste er auch erst mal lernen.»

Der grösste Ausgabenposten war die Miete. Infrastruktur für die Werkstatt war zum Teil schon vorhanden. Als die Schlosserei nebenan zu ging, übernahm er auch diese Fläche, vergrösserte die Garage, leistete sich einen zweiten Lift um die Wagen anzuheben. Die Garage Sollberger wurde von der Bevölkerung gut aufgenommen und so hat alles seinen Lauf genommen.

1980 kam Alfa Romeo auf ihn zu, kurz darauf auch Mitsubishi. «Damals konnte man zwei Marken vertreten.» 1991 zog die Garage an den Lerchenweg. Das Gebäude liess Martin Sollberger von null her aufbauen. Mit dem Umzug gab es einen Qualitätssprung und die Garage Sollberger wurde Regionalvertreter für beide Marken.

Nun, 41 Jahre später, verabschiedet sich Martin Sollberger von seiner Werkstatt – aber nicht vom Autohandel, dafür ist die Zeit noch nicht reif. «Ich bin mit Herzblut Autohändler» sagt der 66-Jährige, der künftig in einem Büro oberhalb der Werkstatt weiterarbeiten wird. Der Verkauf von Neu- und Gebrauchtwagen war schon seit Jahren sein Kerngeschäft. Bei der Jahresabschlussfeier der Mitsubishi-Händler ging der für ganz Europa zuständige Verkaufsleiter auf ihn zu, bedankte sich bei ihm für die jahrzehntelange Arbeit. Diese Wertschätzung zu erfahren, sei für ihn sehr schön gewesen, wie er erzählt, während seine Werkstatt im Hintergrund gerade ausgeräumt wird. «41 Jahre, das ist eine lange Zeit.» Gedrückte Stimmung herrsche dabei nicht, vielmehr der Stolz, auf alles zurückblicken zu können, was er aufgebaut habe. «Vor allem, dass wir nie einen Unfall hatten in der Werkstatt», sagt er.

 

Martin Sollberger, der Aargauer Mr. Auto?

Ist Martin Sollberger denn nicht so was wie der Aargauer Mr. Auto? «Nein, da gibt es grössere Händler als ich», antwortet er. Um seine Nachfolge als Aargauer Präsident des AGVS reisse sich nur deshalb niemand, weil «alle keine Zeit» hätten. «Die Jungen sind sehr unter Druck.» Bis Ende 2020 soll jedes zehnte verkaufte Auto Hybrid- oder Elektrobetrieben sein, das will der Verband. Heute ist es jedes zwölfte Auto. Zudem werden drei grosse Messen stattfinden: Aarau West im März, dann erstmals eine im Freiamt und eine im Fricktal. 2021 soll auch in die Region Baden vorgestossen werden. «Bei uns kommt man direkt an die lokalen Partner heran und muss nicht ewig anstehen wie etwa am Genfer Autosalon.»

Mehr Zeit wird Martin Sollberger nebst dem Autohandel nun für seine anderen Leidenschaften haben: Pferderennen und den FC Aarau, obwohl dieser «nicht immer Freude» mache. «Zudem freue ich mich aufs Skifahren unter der Woche und nicht nur am Wochenende, wenn alles überfüllt ist.»

 

Quelle: Aargauer Zeitung vom 2.1.2020

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